Entwicklungsmodell der Zukunft

Noch immer leben mehr als 800 Millionen Menschen in extremer Armut. Das Problem hat viele Ursachen und erfordert globale Lösungen. Und ein Umdenken in der Entwicklungszusammenarbeit.

Jahrelanges Engagement für Entwicklung - und alles umsonst? Nein, denn gerade in den letzten zwei Jahrzehnten hat die internationale Staatengemeinschaft Enormes bewirkt. Und doch: Bei vielen Entwicklungsprojekten lässt sich nur schwer abschätzen, welchen langfristigen Nutzen sie haben. Trotz steigender Budgets haben viele Maßnahmen ihre Ziele verfehlt oder tragen auf lange Sicht nicht zur sozioökonomischen Entwicklung bei.

Die Gründe sind inzwischen hinlänglich bekannt: einseitige Investitionen, fehlende Langzeitperspektiven und lokale Lösungen ohne Rücksicht auf das nationale, regionale und globale Umfeld. Soll sich daran etwas ändern und will man nicht noch einmal die gleichen Fehler machen, ist ein radikales Umdenken gefragt. Die 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen Globalen Ziele für Nachhaltige Entwicklung (SDGs) können dafür den Anstoß geben.

Das Entwicklungsparadigma hat sich schon einmal grundlegend geändert: In den 1970er- und 1980er-Jahren bestand Entwicklungszusammenarbeit vor allem aus Direkthilfe. Dabei wurden Geld, Technologie und auf westlichen Konzepten basierende "Expertise" in Entwicklungsländer exportiert. Um die Jahrtausendwende schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus. Hilfsleistungen betrachtete man als Investitionen, die dem Geberland einen quantifizierbaren wirtschaftlichen Profit bringen sollten.

Echte Partnerschaft gefragt

Heute braucht es ein neues Modell, das auf echter Partnerschaft basiert und beiden Seiten zugutekommt. Noch stecken diese neuen Partnerschaften in den Kinderschuhen und sind sehr fragil. Die SDGs bieten jedoch hier eine historische Chance. Denn sie richten sich mit den gleichen Werten und Zielen an Industrie- und Entwicklungsstaaten. Die internationale Staatengemeinschaft sollte die Gunst der Stunde nutzen und diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

Jedes der 17 Ziele verfügt über große Eigendynamik. Weltweit engagieren sich bedeutende Organisationen für einen besseren Zugang zu Energie, Infrastruktur, Gesundheit oder Wasser. Durch diese enorme Triebkraft eröffnen sich großartige Möglichkeiten. Bisher floss allerdings nur wenig Anstrengung in die strategische und konzeptionelle Ausrichtung der Ziele: Wie können sie gemeinsam umgesetzt werden? Wie lassen sich Synergien bestmöglich nutzen? Welche Investitionen und finanziellen Hilfeleistungen braucht es, um mehrere Ziele gleichzeitig zu verfolgen? Wie kann der Nutzen in einem Bereich auch anderswo positive Effekte auslösen? Auf Fragen wie diese fehlen die Antworten.

Positive Beispiele

Doch erste Vorhaben wagen den Blick über den Tellerrand und gehen mit gutem Beispiel voran. Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) startete kürzlich einige neue Projekte, die nach derartigen Synergien und sektor- und regionenübergreifenden Lösungsansätzen mit Langzeitperspektiven suchen: Mit der "Water Futures and Solutions Initiative" etwa erforscht das Institut gemeinsam mit der Austrian Development Agency, wie Wasser lokal, regional, national und global genutzt werden kann. Analysiert wird unter anderem, wie sich Projekte in den Bereichen Wasser, Klima, Umwelt, Energie und Ernährungssicherheit gegenseitig beeinflussen. Bei "The World in 2050" arbeiten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eng zusammen. Sie entwerfen faire Konzepte für eine nachhaltige Zukunft auf einem sicheren Planeten.

Raus aus der Schublade

Die globalen Herausforderungen verlangen nach langfristigen Perspektiven und Lösungen. Diese müssen Beständigkeit haben und sich auch angesichts unsicherer Zukunftsszenarien bewähren. Wenn es der Staatengemeinschaft gelingt, sich vom Schubladendenken zu befreien, die Ziele breit zu denken und echte Partnerschaften einzugehen, ist sie besser dafür gerüstet, aus Fehlern zu lernen und an einer nachhaltigen Zukunft zu arbeiten.

Pavel Kabat, Generaldirektor und Geschäftsführer des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA).