Myanmars steiniger Weg zur Demokratie

Sai Khaing Myo Tun ist der erste Hochschullehrer aus Myanmar mit einer Gastprofessur im Ausland. Mit den Weltnachrichten sprach er über Entwicklungsstaaten und seine Erwartungen an die neue Regierung.

Sai Khaing Myo Tun ist der erste Hochschullehrer aus Myanmar mit einer Gastprofessur im Ausland. Mit den Weltnachrichten sprach er über Entwicklungsstaaten und seine Erwartungen an die neue Regierung.

Myanmar befindet sich in einem dynamischen Demokratisierungsprozess. Erst letzten November gab es Wahlen - die ersten seit mehr als 25 Jahren. Was erwarten Sie von der neuen Regierung?

Sai Khaing Myo Tun: Die neue Regierung wurde im April angelobt und muss sich um vieles kümmern. Ich finde, am wichtigsten ist die nationale Aussöhnung, um das Vertrauen zwischen der Zivilbevölkerung und dem Militär aufzubauen. Es braucht außerdem Investitionen in den Bildungssektor und mehr Forschungsfreiheit. Die Menschenrechte müssen zum Wohle des Landes gefördert werden. Und natürlich muss die Regierung die Armut bekämpfen und für Stabilität und Rechtsstaatlichkeit sowie wirtschaftliche Entwicklung sorgen.

In Myanmar ging die Demokratiebewegung von 1988 von den Universitäten aus. Wie können Industrieländer und Österreich heute in Ihrer Heimat politische Bildung fördern?

Sai Khaing Myo Tun: Politikwissenschaft wird derzeit nur an zwei Universitäten gelehrt, in Yangon und Mandalay. Industrieländer wie Österreich können mithelfen und Studienpläne fördern oder, wie die Universität Wien das tut, auch mitgestalten. Stipendien für Studierende sind ebenfalls wichtig.

Gibt es Änderungen im Bildungswesen seit dem Wahlerfolg von Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi?

Sai Khaing Myo Tun: Früher durften Themen wie Armut nicht diskutiert oder erforscht werden, denn die Militärregierung verkündete stets Verbesserungen, die es natürlich nicht gab. Menschenrechte wurden verletzt und akademische Freiheiten beschnitten. Universitäten errichtete man in entlegenen Gebieten. Damit wollte man die politische Mobilisierung der Studentenschaft verhindern. Seit 2011 gibt es aber sichtbare Fortschritte: Zum Beispiel wurde die Einschränkung der Versammlungs- und Redefreiheit gelockert. Frei von Restriktionen sind wir aber nicht, denn das Militär hält 25 Prozent der Sitze im Parlament und kontrolliert drei Ministerien im Land.

Ich bin Vizepräsident der Myanmar’s Teacher‘s Foundation. Unser Wunsch ist, das kürzlich verabschiedete nationale Bildungsgesetz unter Mitwirkung von Nichtregierungsorganisationen zu ändern. Das soll zu mehr Autonomie und weniger Bürokratie führen. Letztes Jahr trafen wir dazu Aung San Suu Kyi persönlich, die unserem Anliegen prinzipiell zustimmte.

Was gefällt Ihnen an Österreichs Bildungssystem?

Sai Khaing Myo Tun: Besonders beindruckt mich die Autonomie und Freiheit der Professoren und Institute. Das gibt es nicht in jedem Land. In Myanmar leiden die Universitäten noch immer unter dem zentralistischen System und politischer Kontrolle. Ihre Autonomie ist daher ein heißes Thema. An Österreich schätze ich auch das ausgezeichnete akademische Umfeld für Forschung und Lehre.

Es war für Sie schwierig nach Österreich zu kommen. Warum?

Sai Khaing Myo Tun: Auch nach der langsamen politischen Öffnung Myanmars blieb das Bildungsministerium mit Hardlinern besetzt. Als Politikwissenschafter und Gewerkschaftsaktivist musste ich erst einige bürokratische Hürden überwinden, um die Gastprofessur in Wien anzutreten. Lehrkräfte brauchen eine Genehmigung der Regierung, wenn sie im Ausland unterrichten wollen. Ich bin sehr glücklich, dass mir das gelungen ist.

Ihr Forschungsschwerpunkt sind die Entwicklungsstaaten in Asien und Afrika. In den 1980er Jahren war das Wirtschaftswachstum der Tigerstaaten in Ost- und Südostasien enorm. Singapur und Südkorea gelten als Parade-Entwicklungsstaaten. Woran orientieren sich aufstrebende afrikanische Länder heute?

Sai Khaing Myo Tun: Die Entwicklungsstaaten des 21. Jahrhunderts wandeln sich stärker in Richtung Demokratie und freie Marktwirtschaft. Sie orientieren sich nicht am chinesischen Modell. Die Industriestaaten sollten stärker die Frage ins Zentrum rücken, was die Entwicklungsländer dafür brauchen. Als erstes Land hat Südafrika seine Absicht geäußert, ein demokratischer Entwicklungsstaat zu werden. Botswana, Mauritius und Äthiopien gehen ebenfalls einen erfolgreichen Weg.