Yes We Can - Aber Wandel braucht Zeit!
"Stop Violence Against Women" - "Stop der Gewalt gegen Frauen!", steht auf einem Plakat. "Gewalt soll nicht versteckt, sondern darüber berichtet werden! - Freie Beratung und Information Tel. Nr. 940", prangt groß auf einem weiteren. EWLA, die "Ethiopian Women Lawyers Assosciation" (Vereinigung äthiopischer Rechtsanwältinnen) ist wieder einmal Vorreiterin in einer Kampagne gegen Gewalt an Frauen. Diese Organisation, die von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) unterstützt wird, steht synonym für den Kampf äthiopischer Frauen für Gleichberechtigung. Ab jetzt bekommen Frauen auch anonym und kostenlos Informationen und Rechtsberatung.
Gute Traditionen weiterführen, schlechte abschaffen
Äthiopien ist ein altes Land mit alten Traditionen. Viele dieser Traditionen sind für Mädchen und Frauen ein großes Problem: weibliche Genitalverstümmelung, Heirat im Kindesalter, Entführung und vieles mehr macht den Frauen das Leben schwer. Gewalt gegen Frauen ist häufig tief mit diesen Traditionen verknüpft. Selbst für Frauen, die gebildet sind und in der Stadt leben, ist es nicht selbstverständlich, ein Leben frei von Gewaltanwendung führen zu können. Ob zu Hause, in der Schule oder am Arbeitsplatz - häusliche Gewalt und Belästigung sind allgegenwärtig. Dass Betroffene ernst genommen werden, ist selten. In einem Umfeld, das von mangelnden Bildungschancen, unzureichendem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und dem Kampf gegen Armut geprägt ist, liegen die Prioritäten anderswo: Wie kann die Familie überleben, was kann gegen Krankheiten getan werden? Der Zugang von EWLA ist anders - durch und durch modern und holistisch. "Alles hängt zusammen", meint Zenaye Tadesse, die Leiterin der Organisation und frühere Richterin. "Wie sollen wir uns als Gesellschaft weiter entwickeln, wenn die Hälfte von uns keine Stimme hat? Wir sind nicht gegen Traditionen, sondern wünschen uns, dass das Positive erhalten bleibt. Aber die Gewalt muss aufhören!"
Von Frauen für Frauen
EWLA ist eine Organisation von äthiopischen Frauen für äthiopische Frauen, die seit fast fünfzehn Jahren für die Rechte der äthiopischen Frauen kämpft und bereits einige wichtige Erfolge feiern konnte wie etwa
- die Reform des äthiopischen Familienrechts im Jahr 2000, die das Heiratsalter auf 18 Jahre festlegte, Scheidungen vereinfachte und das Erbrecht modernisierte.
- die Neufassung des äthiopischen Strafrechts im Jahr 2004, das endlich Vergewaltigung und Genitalverstümmelung mit strengen Strafen belegt.
EWLA tut aber noch mehr: "Wir wollen nicht nur einigen Frauen helfen. Wir wollen die Gesellschaft verändern", bringt es Zenaye auf den Punkt. "Gesellschaftlicher Wandel kommt nicht von alleine. Es ist notwendig, die Menschen aufzuklären und zu überzeugen, dass es unmenschlich ist, Entführung oder Vergewaltigung als Teil unserer Kultur zu akzeptieren. Diese Dinge sind kriminell und müssen bestraft werden."
EWLA bietet auch Trainingskurse für Polizisten an, bildet Bezirkspersonal aus und unterstützt GerichtsmitarbeiterInnen, bestehende Gesetze zu verstehen und anzuwenden. Dazu kommen Aufklärungskampagnen für die breite Öffentlichkeit.
Rechtsberatung und Hotline
Aber die Rechtsberatung ist für EWLA das Wichtigste: Zehntausende Frauen haben durch die Büros von EWLA in Addis Abeba und sechs äthiopischen Provinzen von der fachkundigen Rechtsauskunft bislang profitiert. Die Hotline für Frauen ist das neueste Projekt: "Vielen Mädchen und Frauen ist es peinlich, offen über ihre Probleme zu sprechen", erklärt Tedenekialesh. Die Rechtsanwältin leistet Freiwilligendienst bei der Hotline. Die Frauen schämen sich zuzugeben, dass sie von ihrem Arbeitgeber vergewaltigt wurden, dass der Ehemann sie schlägt, dass ein Lehrer sie belästigt oder ein Verehrer sie verfolgt. Den Frauen wird von klein auf beigebracht, dass Männer das Sagen haben und Mädchen den Mund halten und gehorchen müssen. Die Hotline hilft, diese Hemmschwelle zu überwinden: Betroffene Mädchen und Frauen können anonym anrufen und erhalten kompetent Auskunft darüber, was getan werden kann, wohin sie sich wenden können und was sie dabei beachten müssen. Manchmal brauchen sie auch einfach nur Trost, um wieder Mut zu schöpfen.
Die Ergebnisse sprechen für sich: Seit der Gründung im April 2008 läuft die Hotline mit neun Mitarbeiterinnen an sechs Tagen der Woche. Alle "Counsellors" sind Rechtsanwältinnen, Mitglieder von EWLA, die einen Teil ihrer Zeit kostenlos zur Verfügung stellen. Mittlerweile gehen pro Monat mehr als tausend Anrufe ein - Tendenz steigend. Der Anruf ist der erste Schritt, der Weg ins EWLA-Büro der zweite. Dann beginnt der Weg durch die Instanzen des Rechtssystems. EWLA ist überall dabei. In besonders ernsten Fällen von Gewaltanwendung kümmert sich EWLA auch um medizinische Hilfe und vermittelt eine Unterkunft in einem Frauenhaus. Auch solche Einrichtungen gibt es inzwischen in Äthiopien, auch wenn der Platz bei weitem nicht ausreicht.
Nicht aufgeben, sondern weitermachen
EWLA meldet sich immer zu Wort, wenn es um Frauenrechte geht. Ob es um die Landrechte äthiopischer Bäuerinnen, die Stärkung des Frauenanteils in der Politik oder die Abschaffung von Diskriminierung beim Zugang zu Bildung oder am Arbeitsplatz geht. Die daraus entstandene Bekanntheit ist nicht immer positiv. So wurde EWLA zum Beispiel 2001 vom Justizministerium kurzerhand wegen angeblicher Überschreitung ihrer Statuten suspendiert. Für EWLA muss die Arbeit aber weitergehen: "Wir können nicht einfach aufgeben", fasst Zenaye zusammen. "Wir werden weiterhin unseren Teil dazu beitragen, damit unsere Töchter es einmal einfacher haben."







