Die Opfer nicht vergessen
Bei Vergangenheitsbewältigung in Postkonfliktregionen geht es um die Wahrung und Durchsetzung von grundlegenden Menschenrechten sowie die Wiederherstellung gesellschaftlicher Strukturen. Ein Projekt in Guatemala.
"Am Anfang hatte ich Angst darüber zu reden. Wenn ich einen Mann in Uniform sah, hab ich mich gefürchtet. Ich dachte, dass ich ganz allein bin mit meiner Traurigkeit, aber durch die gemeinsamen Gespräche weiß ich, dass auch andere Ähnliches erlitten haben und dasselbe durchleben." Das berichtet eine der Überlebenden und Angehörigen der Kriegshandlungen in Guatemala in den 1980er Jahren bei einem psychosozialen Treffen." (Zitat aus der Publikation "Resistencias contra el olvido", Pau Pérez-Sales & Susana Navarro García. 2007. Ed. Gedisa. Seiten 84,85)
Die Vergangenheit aufarbeiten
Die Bevölkerung Guatemalas hat den längsten internen Krieg, mit der höchsten Zahl an Todesopfern, Verschwundenen und Vertriebenen der Region zu verarbeiten. Die damalige Konfliktsituation hat vor allem den indigenen Teil der Bevölkerung und Frauen hart getroffen. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Ausgrenzung, institutioneller Rassismus und eine prekäre Menschenrechtssituation prägen auch im neuen Jahrtausend das Land. Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit hat ein Projekt unterstützt, um die psychosoziale Betreuung der Angehörigen von Opfern der Massaker sowie Betreuung der Dorfgemeinschaften in den Bezirken Quiché, Baja Verapaz und Alta Verapaz zu gewährleisten. Durch Öffentlichkeitsarbeit und politische Einflussnahme wurde die Vergangenheitsbewältigung breit diskutiert und die Würdigung der Opfer auf lokaler und nationaler Ebene erreicht. Die Arbeit geht über die Grenzen Guatemalas hinaus, da ähnliche Erfahrungen auch in anderen Kulturkontexten gemacht wurden. Die Standardisierung und Anpassung von Guidelines wurde notwendig; ein intensivierter internationaler Erfahrungsaustausch initiiert.
Das Vorhaben hat nach fünf Jahren Laufzeit signifikante Spuren sowohl in lokalen, nationalen und internationalen Bereichen hinterlassen. Aus der psychosozialen Begleitarbeit entstanden Gemeinschaftskommittees. Auf nationaler Ebene setzt das Projekt beispielgebende Maßnahmen der Betreuung und Würdigung von Opfern, Überlebenden und Angehörigen im Rahmen der Exhumierungen. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Projekts liegt in seinem Design: Es verbindet intensive Basisarbeit psychosozialer Betreuung von Opfern mit Maßnahmen der Reflexion, Aufarbeitung und Systematisierung von Erfahrungen.
Künstlerische, pädagogische und psychosoziale Maßnahmen
Insgesamt wurden in zwei Jahren 57 Exhumierungen betreut. Besonders begleitet wurden jene Menschen, die ihre ermordeten Angehörigen nicht finden konnten. 55 Frauen, die während des Konflikts vergewaltigt wurden, wurde geholfen. Ein Katalog von Vorschlägen für die Wiedergutmachung wurde an das diesbezügliche staatliche Programm gerichtet, ein kontinuierlicher Kontakt- und Informationsaustausch mit weit mehr als zehn internationalen Organisationen initiiert. Ein besonders anschaulicher Erfolg dieser Komponente betrifft die künstlerische und pädagogische Aufarbeitung der Ereignisse im öffentlichen Raum: Als Tuch- oder Wandmalerei im Gemeinderatsaal oder als von Schülern und Lehrern erarbeitete Dorfgeschichte und Präsentation vor der Dorfgemeinschaft.
Die Arbeit war nicht immer einfach: Während der Projektlaufzeit von 2005 bis 2010 kam es mehrmals zu Bedrohungen und Einschüchterungen des Projektpersonals und von Mitgliedern der betreuten Dorfgemeinschaften.
Wissen international nutzen
Neben der Vergangenheitsbewältigung und dem Ziel gemeinschaftliche Strukturen wieder aufzubauen, verbessert das Projekt die internationale Vernetzung und vertieft die Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Exhumierungen von Gewaltopfern und der psychosozialen Begleitung von Angehörigen. Empfehlungen zur Aufarbeitung von traumatischen Kriegserlebnissen als Teil von Programmen zur Friedenssicherung, Versöhnung und Demokratisierung in Post-Konflikt-Regionen wurden ausgearbeitet und sollen nationalen und internationalen Institutionen als Grundlage für ihre Arbeit dienen. Die Maßnahmen wurden prioritär in zentralamerikanischen Ländern umgesetzt: Es wurde ein „Protokoll zu Mindeststandards für die psycho-soziale Betreuung von Angehörigen und Überlebenden von Massakern und Folterungen im Zusammenhang von Exhumierungen und der Suche nach Verschwundenen" erstellt und den Vereinten Nationen vorgelegt. Die vorgeschlagenen Standards wurden in verschiedenen Kulturkontexten praktisch erprobt und verglichen. Die Validation erfolgte durch mehr als 50 Organisationen aus über 15 Ländern, darunter fünf Organisationen aus Peru, zehn aus Guatemala, neun aus Kolumbien, 27 aus Asien, sowie weiteren Institutionen aus zentralamerikanischen Ländern und aus Spanien.
Grundlegende Referenz ist die "UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen" (61/177), wobei das Projekt unter anderem zur Umsetzung der UN-Sicherheitsratsresolution 1325, welche die Auswirkungen von Konflikten auf Frauen und deren Rolle im Wiederaufbau zerstörter Gesellschaften hervorhebt, und des dazu im August 2007 verabschiedeten österreichischen Aktionsplans beiträgt.









